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Datum: 04.05.2021

Frauen am Krisenherd: Warum die Pandemie weiblich ist

Zwischen Homeoffice und Homeschooling: Frauen übernehmen häufig die Sorgearbeit und beschulen die Kinder. Für mehr Gleichberechtigung setzt sich das Netzwerk „Frauen und Arbeitspolitik“ ein.

Kreis Herford. Fair ist das Virus nicht. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, sagt die Gleichstellungsbeauftragte aus Löhne, Monika Lüpke: „Sie zeigt auf, wo die Probleme liegen.“ Vielerorts sind vor allem Frauen besonders hart von der Krise betroffen. Sie übernehmen im Durchschnitt häufiger die Sorgearbeit, kümmern sich um den Haushalt oder die Pflege von Angehörigen, haben das Homeschooling der Kinder im Blick. All dies passiere meist unsichtbar im Hintergrund. Hinzukommt, dass viele Frauen nach wie vor auf Minijobs setzen. „Vielen fällt erst jetzt schmerzlich auf, dass sie durchs Raster fallen“, sagt Lüpke vom Netzwerk „Frauen und Arbeitsmarktpolitik“ im Kreis Herford.

Ob in der Gastronomie, im Supermarkt oder in der Pflege: In Deutschland gibt es fast acht Millionen Minijobs. Seit Jahren fordern Netzwerke, wie das aus dem Kreis Herford, dieses Arbeitsmodell aufzubrechen – bisher ohne Erfolg. Es sind die durch die Politik gefassten Strukturen, die das System unterstützen, sagt Lüpke und spricht im selben Atemzug das Ehegattensplitting an. „Das dürfte es längst nicht mehr geben.“ Denn die Aufteilung in die Steuerklassen 3 und 5 sei für nicht wenige Paare oft ein Grund dafür, dass der geringer verdienende Teil nur einen (steuerfreien) Minijob macht. Lüpke: „Das ist nicht die Schuld von Frauen und Männern, sondern unseres Systems. Eine individuelle Besteuerung ist wichtig.“

Wer einen Minijob hatte und diesen durch die Pandemie verloren hat, steht nun mit leeren Händen da. Eine Absicherung gibt es nicht. Minijobber bekommen weder Kurzarbeitergeld noch haben sie einen Anspruch auf Arbeitslosengeld, prangert das Netzwerk an, das sich seit 25 Jahren mit berufstätigen Frauen im Kreis Herford beschäftigt.

Eine Krise wie Corona haben die Mitwirkenden noch nie erlebt. Viele Frauen im Kreis haben etwa in der Gastronomie gearbeitet und ihren Job verloren. Wie hoch diese Zahl ist, darüber lässt sich nur mutmaßen. Statistiken gebe es nicht. Andererseits wurde durch die Krise die Belastung von Frauen im Gesundheitsbereich zwischen Beruf und Familie erheblich größer. Erschwerend kommt hinzu, dass in „lebensrelevanten“ Berufen (Pflege, Kassierer, Erzieher) die Ansteckungsgefahr aufgrund eines intensiveren Kontakts deutlich höher ist. Homeoffice ist in vielen dieser Berufe einfach nicht möglich. Man habe in der Pandemie zwar gemerkt, wie wichtig diese Jobs sind, doch die Wertschätzung sei vielerorts nicht über den Applaus zu Beginn der Krise hinausgegangen.

Laut der Bundesagentur für Arbeit haben im Juni des vergangenen Jahres 11,8 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Kreis Herford im Gesundheitswesen gearbeitet, darüber lag nur der Einzelhandel mit 12,1 Prozent. Auch die Arbeitszeitaufteilung hat in diesen Zeiten Folgen für berufstätige Mütter. Im Kreis Herford waren im Jahr 2020 52,1 Prozent aller Frauen teilzeitbeschäftigt, bei den Männern waren es nur 8,5 Prozent. Damit sind im Kreis 83,2 Prozent aller Teilzeitkräfte weiblich.

Berufstätige Mütter seien als Teilzeitkraft zwar flexibler als Vollzeitkräfte, verdienen aber deshalb auch weniger, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die spätere Rente, gibt das Netzwerk zu bedenken. Aufgrund von Schul- und Kitaschließungen sind es vor allem die (teilzeitbeschäftigten) Mütter, die ihre Berufstätigkeit mit Kinderbetreuung und Homeschooling unter einen Hut bringen müssen. Und das ist oft ein Spagat. „Diese Frauen verdienen meine größte Hochachtung“, sagt Lüpke. Schließlich sei dies eine zusätzliche Belastung, die nicht zu unterschätzen ist.

Gleichzeitig arbeiten die Väter oft weiter in Vollzeit, sofern sie nicht in Kurzarbeit sind. Im Median verdienen Frauen im Kreis Herford 472 Euro weniger als Männer (Stand Dezember 2019). Steht also die Entscheidung an, wer beruflich kürzertreten oder unbezahlten Sonderurlaub nehmen muss, um Kinder zu betreuen, liegt es schon aus rein finanzieller Sicht nahe, die Kinderbetreuung der Frau zu überlassen, so das Netzwerk. Lüpke: „Den Frauen darf aufgrund der aktuellen Situation aber kein beruflicher Nachteil entstehen.“

Eine familienfreundliche Unternehmenskultur kann viel bewirken: Eine klare Kommunikation, flexible Arbeitszeitregelungen und die Möglichkeiten zu mobiler Arbeit können hier einen wichtigen Beitrag leisten, so das Netzwerk, das damit Möglichkeiten aufzeigt Frauen sind wichtige Arbeitskräfte, sie arbeiteten oft in systemrelevanten Bereichen, sind gut ausgebildet und müssten deshalb auch die gleichen beruflichen Chancen haben wie Männer.

Das Netzwerk

Um aufzuzeigen, wie unterschiedlich berufstätige Frauen im Kreis Herford von Corona betroffen sind, hat die NW mit mehreren Frauen Gespräche geführt und stellt in loser Folge ihre Lebenssituationen vor.

Das Netzwerk „Frauen und Arbeitspolitik“ gibt zudem weitere Hilfestellungen und hält Informationen bereit. Es ist erreichbar unter Tel. (0 57 32) 10 03 44 sowie unter www.arbeitsmarkt-expertinnen.de

(NW 04.05.2021)

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