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Datum: 01.04.2021

Bertelsmann-Studie: Frauen wollen mehr arbeiten, Männer weniger

In frauendominierten Branchen wie dem Einzelhandel ist die Teilzeitquote hoch. In der Metallindustrie und anderen Bereichen, in denen vor allem Männer tätig sind, wird kaum Teilzeit gearbeitet.

Berlin/Gütersloh. Wunsch und Wirklichkeit der Arbeitszeit klaffen bei Frauen und Männern in Deutschland weit auseinander. Laut einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung arbeiten Männer im Durchschnitt mehr als Frauen, obwohl mehr Männer als Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren möchten. Demgegenüber stehen viele Frauen, die ihre Arbeitszeit ausweiten möchten. Stiftungsvorstand Jörg Dräger sieht darin Potenzial zur Angleichung der Arbeitszeiten zwischen den Geschlechtern und eine gerechte Verteilung der Sorgearbeit. Doch dafür reicht nach Einschätzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes der Wille von Männern und Frauen allein nicht aus, viel mehr braucht es einen Wandel in Politik, Unternehmen und Partnerschaft.

Für die Studie hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München im Auftrag der Stiftung die Entwicklung der tatsächlichen und gewünschten Arbeitszeiten seit 1985 differenziert nach Geschlecht, Beschäftigungstyp und Alter untersucht. Das Ergebnis: In Deutschland arbeiten Männer im Durchschnitt 41 Stunden und Frauen 32 Stunden pro Woche. Allerdings wünschen sich Männer mit 37 und Frauen mit 30 Stunden pro Woche eine kürzere Arbeitszeit. Insgesamt arbeiten 50 Prozent der männlichen und 41 Prozent der weiblichen Beschäftigten mehr, als sie gerne würden.

Dieses Bild dreht sich nach Angaben der Studienautoren jedoch mit Blick auf Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit gerne ausweiten würden: Mehr Frauen als Männer möchten ihre Stundenzahl ausweiten. So ist der Anteil unterbeschäftigter Frauen mit 17 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Männern. Doch warum klaffen Wunsch und Wirklichkeit im Beruf so weit auseinander?

Laut der Studie liegt das vor allem daran, dass Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigte ihre Arbeitszeitwünsche nicht gleich gut umsetzen können. Insbesondere Müttern, die besonders häufig in Teilzeit arbeiten, falle es schwer, ihre Arbeitszeitwünsche umzusetzen. Die Untersuchung zeigt, dass das vor allem auf den Mangel an Betreuungsmöglichkeiten oder die zu hohen Kosten dafür zurückzuführen ist.

Die Studie offenbart zudem, dass die traditionelle Rollenaufteilung in vielen Familien weiterhin dominiert. Denn auf die Arbeitszeitwünsche von Männern haben Kinder und die Betreuungssituation so gut wie keinen Einfluss. „Fehlende oder zu teure Kinderbetreuung führt immer noch dazu, dass insbesondere Mütter ihre Arbeitszeitwünsche nicht realisieren können”, sagt Dräger.

Die Corona-Pandemie verschärft die Situation nach Einschätzung des Stiftungsvorstandes weiter. Die Schließung von Kitas und Schulen wirke sich negativ auf die Arbeitszeitwünsche von Müttern aus, da sich Frauen ohne funktionierende Kinderbetreuung vermehrt aus der Erwerbsarbeit zurückziehen. „Die Pandemie verdeutlicht: Gute Kitas und ein gutes Ganztagsangebot in den Schulen sind zentral, damit Mütter ihre Arbeitszeitwünsche umsetzen können“, erklärt Dräger.

Doch der Ausbau des Betreuungsangebots reicht nach Angaben des Stiftungsvorstands nicht aus, um Frauen und Männern die Umsetzung ihrer Arbeitszeitwünsche zu ermöglichen, damit sie die Sorgearbeit innerhalb der Familie gerechter aufteilen können. Zusätzlich müssen laut Dräger Fehlanreize im Steuer-, Abgaben- und Transfersystem abgebaut werden, weil sie die Mehrarbeit für Frauen und Mütter häufig unattraktiv machen. Die Kombination aus Ehegattensplitting und Minijobs führe beispielsweise dazu, dass es sich für Zweitverdiener häufig nicht lohnt, eine substanzielle Beschäftigung aufzunehmen.

Diese Forderung unterstützt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Auf politischer Ebene fordert die DGB-Chefin in OWL, Anke Unger, deshalb neben dem Ausbau ganztägiger Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen, die Abschaffung von Minijobs und steuerpolitischen Fehlanreizen. „Frauen verdienen in vielen Familien lediglich hinzu, was zu einer Benachteiligung führt, da es sich dabei häufig um prekäre Beschäftigungsverhältnisse handelt“, moniert Unger.

„In die Pflicht genommen werden, müssen aber auch Unternehmen, die Frauen die Rückkehr in Vollzeitstellen verwehren“, ergänzt die Gewerkschaftsfunktionärin. Weit verbreitet ist dieses Phänomen laut Unger vor allem in Branchen mit hohem Frauenanteil und niedrigen Einkommen, wie im Einzelhandel. „Dort arbeiten hauptsächlich Frauen in Teilzeit, auch dann, wenn sie ihre Arbeitszeit ausweiten möchten, weil sich Unternehmer dadurch Flexibilität bei der Schichtplanung erhoffen.“ Die Folge: Frauen verdienen im Vergleich zu Männern häufig weniger und sind dementsprechend schlecht im Alter abgesichert.

Mit Blick auf die individuellen Arbeitszeitwünsche von Männern und Frauen, ändert sich auch die Arbeit der Gewerkschaften. „Eine bessere Entlohnung ist für viele Arbeitnehmer, vor allem für Männer, nicht mehr die wichtigsten Forderung in Tarifverhandlungen“, erklärt Unger.

Zuletzt habe das der Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie in NRW gezeigt. „In den Mitgliederbefragungen vor dem Abschluss hat sich gezeigt, dass Männer mehr Wert auf Freizeit legen und sich Wahlfreiheit zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit wünsche.“

Aus Teilzeitglück wird die Teilzeitfalle

Grundsätzlich bietet die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, Arbeitnehmern die Möglichkeit, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Vor allem Frauen nutzen das Modell, um trotz Kindererziehung Geld zu verdienen und den Anschluss im Beruf nicht zu verlieren. Doch wenn Teilzeitbeschäftigte nicht mehr zurück in die Vollzeitbeschäftigung kommen können, wird aus dem Teilzeitglück eine Teilzeitfalle. In dieser Falle stecken überwiegend Frauen, weil sich in den meisten Familien die Frauen für die Kindererziehung beruflich einschränken. Das führt nicht nur zu Karriereknicks im eigentlichen Beruf, sondern auch zu Jobwechseln. So kann Teilzeit nicht nur zu Unzufriedenheit, sondern auch zu Existenzproblemen und Altersarmut führen.

Ändern können das Frauen jedoch nur bedingt selbst. Solange das Steuersystem arbeitende Frauen benachteiligt, Unternehmen die Rückkehr in Vollzeit verweigern und Paare Kinderbetreuung zur Frauensache erklären, ändert sich nichts an diesem Missstand.

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